210425 Studie SportSchweizDie Schweizer Bevölkerung bewegt sich ständig mehr. Warum sich Wanderer plötzlich als Sportler fühlen – und wie das Land im europäischen Vergleich abschneidet.

Die Menschen zieht es in Scharen an die frische Luft. Die steigenden Temperaturen oder der Home-Office-Koller helfen dabei, der Hauptgrund aber: Sporttreiben ist so gefragt wie nie zuvor. 

Download der ganzen Studie als PDF-File (www.sportobs.ch)

 

Die Schweizer sind in den letzten zwanzig Jahren nämlich deutlich aktiver geworden. Das belegt eine grosse, repräsentative Studie, die das Schweizer Sportobservatorium im vergangenen Herbst im Auftrag des Bundesamts für Sport (Baspo) veröffentlicht hat – und somit von Covid-19 in keiner Weise verfälscht wird. Wir fassen die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung zusammen:

Die Schweizer treiben immer mehr Sport

Seit der ersten Erhebung vor zwanzig Jahren lässt sich ein kontinuierlicher Anstieg der Sportaktivität beobachten, der sich in jüngster Zeit sogar verstärkt hat. Zwischen 2014 und 2020 ist der Anteil der Schweizer, die pro Woche mindestens drei Stunden Sport treiben, von 44 auf 51 Prozent gestiegen. Gleichzeitig ist erstmals die Zahl der Nichtsportlerinnen und Nichtsportler signifikant gesunken.

Für Markus Lamprecht, Co-Autor der Studie und einer der führenden Sport-Soziologen im Land, ist ein zentraler Punkt: Das Sportverständnis der Schweizer hat sich verändert. «Früher zählte sich ein Wanderer nicht zur Sportlergruppe – heute schon. Auch wer tanzt oder Yoga macht, nimmt sich mittlerweile als Sportler oder Sportlerin wahr. Man kann also sagen, dass der Sport ganz neue Gruppen umfasst», sagt Lamprecht.

«Es hat eine Versportlichung der Gesellschaft stattgefunden.»

Sportsoziologe Markus Lamprecht

Er nennt ein weiteres Beispiel «Wer früher mit dem Rad zum Bahnhof fuhr, zählte diese Aktivität zur Alltagsbewegung. Heute sagen viele, die mit dem Rad an den Bahnhof fahren, dadurch ihren Alltagssport zu betreiben.» 

Früher galt: Nur wer schwitzt, ist ein Sportler

Extremer formuliert: Vor 20 Jahren galt als Sport, wenn man sich dafür umziehen musste. Das wird heute anders interpretiert. Der Sportbegriff hat sich verbreitert und vom klassischen Verständnis entfernt: dass nur Sportler ist, wer trainiert und Wettkämpfe bestreitet. «Es hat eine Entkernung des klassischen Sportbegriffs stattgefunden – oder eine Versportlichung der Gesellschaft, je nach Blickwinkel», sagt Lamprecht.

Geblieben sind die Hauptgründe, warum die Menschen Sport treiben: für die Gesundheit – und um fit zu sein. Auch die Freude an der Bewegung, das Naturerlebnis und Stressabbau sind wichtige Treiber. Am beliebtesten ist nach wie vor das Training am Abend, gefolgt vom Morgen und dem Nachmittag. Die zeitliche Flexibilität hat aber zugenommen. 26 Prozent haben keine feste Tageszeit, sondern sind immer wieder zu unterschiedlichen Zeiten aktiv.
Wandern, Radfahren, Schwimmen, Skifahren, Joggen: Dieser «helvetische Fünfkampf» führt die Beliebtheitsskala an. Gegenüber der letzten Befragung konnte nur das Wandern nochmals deutlich zulegen, das nun mit Abstand am populärsten ist. Fast 57 Prozent der Bevölkerung geben an, regelmässig in den Bergen unterwegs zu sein.

Studienautor Markus Lamprecht sagt zum Wandern: «Früher galt Wandern als Aktivität für Menschen in roten Wollsocken und Knickerbockern. Wandern galt eher als langweilig und hatte kein hohes Ansehen. Heute erzählen die Leute beim Arbeiten gerne, dass sie am Wochenende wandern waren.»

Gerade jüngere Menschen um die 20 haben in den letzten Jahren dazu beigetragen, dass Schweizer so viel wie noch nie wandern. Darauf hat sich wiederum die Sportindustrie eingestellt, mit neuen Produkten in bunteren Farben oder vielfältigeren Materialen. «Darum findet man in Sportläden heute an prominenter Stelle auch Produkte für Wanderer», sagt Lamprecht.

«Früher galt Wandern als Aktivität für Menschen in roten Wollsocken.»

Markus Lamprecht

Stark an Popularität gewonnen haben zudem Yoga und Pilates sowie Krafttraining. Im Gegensatz zu den Vereinsmitgliedschaften steigen die Mitgliedschaften in den Fitnesscentern stetig an: 2008 hatten 14 Prozent der Bevölkerung ein Abo, 2014 waren es 16 Prozent und 2020 bereits 19 Prozent.

Insgesamt wurden mehr als vierzig unterschiedliche Sportarten genannt. Neben der Vielfältigkeit fällt auf, dass die Polysportivität der Bevölkerung noch einmal zugenommen hat. Vor zwanzig Jahren übten die Schweizerinnen und Schweizer noch durchschnittlich 3,1 verschiedene Sportarten aus, heute sind es 4,5.

Markus Lamprecht sagt zu den Gründen: «Primär die Frauen über 50 Jahren treiben deutlich mehr Sport als früher. Das hängt mit dem neuen Sportverständnis zusammen: dass also auch Wandern oder Yoga mittlerweile als Sport bezeichnet wird. Es hat jedoch auch damit zu tun, dass wir den sogenannten Ruhestand, also die Zeit nach der Pensionierung, neu definieren. Im Wissen darum, dass wir länger leben – und vor allem gesund länger leben – bleiben wir aktiv.»

Hinzu kommt: «Ältere Menschen sind oft vermögend und darum für die Sportindustrie sehr interessant. Diese versucht sie mit entsprechenden Produkten wie E-Bikes für sich zu gewinnen.» 

Die Senioren haben ihr Sportvolumen auch wegen dieser Faktoren in den letzten Jahren viel stärker gesteigert als jüngere Altersgruppen. Zwar treiben die 15- bis 24-Jährigen immer noch am häufigsten mehrmals pro Woche Sport, danach folgen aber schon die 65- bis 74-Jährigen.

Bildung und Einkommen beeinflussen die Aktivität

Der Sportboom der letzten zwanzig Jahre hat dazu geführt, dass sich die Unterschiede nach Geschlecht, Alter und Sprachregionen stark verringert haben oder gar verschwunden sind. Nichts geändert hat sich aber an der Tatsache, dass Bildung eine entscheidende Rolle spielt. Je höher der erreichte 

Markus Lamprecht sagt zu den Gründen: «Primär die Frauen über 50 Jahren treiben deutlich mehr Sport als früher. Das hängt mit dem neuen Sportverständnis zusammen: dass also auch Wandern oder Yoga mittlerweile als Sport bezeichnet wird. Es hat jedoch auch damit zu tun, dass wir den sogenannten Ruhestand, also die Zeit nach der Pensionierung, neu definieren. Im Wissen darum, dass wir länger leben – und vor allem gesund länger leben – bleiben wir aktiv.»

Hinzu kommt: «Ältere Menschen sind oft vermögend und darum für die Sportindustrie sehr interessant. Diese versucht sie mit entsprechenden Produkten wie E-Bikes für sich zu gewinnen.»

Die Senioren haben ihr Sportvolumen auch wegen dieser Faktoren in den letzten Jahren viel stärker gesteigert als jüngere Altersgruppen. Zwar treiben die 15- bis 24-Jährigen immer noch am häufigsten mehrmals pro Woche Sport, danach folgen aber schon die 65- bis 74-Jährigen.

Nichtsportler: Zu viel Arbeit, keine Zeit

Ein Sechstel der Schweizer Bevölkerung treibt nach eigener Aussage gar keinen Sport. Zu viel Arbeit, fehlende Zeit und Motivation sind die wichtigsten Gründe für die Abstinenz. In manchen Fällen ist es aber auch eine Frage des Geldes. Bei arbeitslosen Personen und solchen mit tiefem Einkommen ist der Anteil der Nichtsportlerinnen und Nichtsportler höher

Zählt man alle Aktiven (unabhängig von der Intensität) zusammen, hat die Schweiz den drittgrössten Anteil an Sportlern in Europa. Nur die Finnen und Schweden sind noch ein bisschen aktiver. Schaut man sich nur die Personen an, die mindestens einmal pro Woche Sport treiben, liegt die Schweiz sogar an der Spitze aller untersuchten Länder.

Zählt man alle Aktiven (unabhängig von der Intensität) zusammen, hat die Schweiz den drittgrössten Anteil an Sportlern in Europa. Nur die Finnen und Schweden sind noch ein bisschen aktiver. Schaut man sich nur die Personen an, die mindestens einmal pro Woche Sport treiben, liegt die Schweiz sogar an der Spitze aller untersuchten Länder.

(Redaktion Tamedia)

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